Absaufen in der Informationsflut

eingetragen vor 3 Monaten von

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Ich (Michael Praetorius) bin heute auf den Buch-Autor und FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher gestoßen. Wir waren beide zu Gast in einer Radiotalkshow auf Antenne Bayern. Und Michael Reuter gibt auch seinen Senf dazu.

Frank Schirrmacher kritisiert die ständige Gleichzeitigkeit, der wir ausgesetzt sind, Multitasking sei etwas, was Menschen überhaupt nicht können. Die explosive Verbreitung von Smartphones sei eine große Überforderung für uns. Ich glaube dagegen, man sollte sich nicht von neuen Kommuniaktionsmitteln überfordern lassen, sondern diese ganz gezielt als Tools einsetzen.

Auf den ersten Blick sind Frank Schirrmacher und ich komplett unterschiedlicher Meinung, wenn es um den Umgang mit dem Social Web und unser Kommunikationsverhalten geht. Im längeren Gespräch glaube ich aber verstanden zu haben, was Frank Schirrmacher meint, wenn er in seinem jüngsten Buch, Payback, von den Schwierigkeiten spricht, die er mit der digitalen Welt hat. Nun ist so eine Radiosendung egal wie lange die Sendezeit ist, doch immer zu kurz. Deshalb nutze ich diese Website hier, um dem Thema noch etwas mehr Raum zu geben.

Leben in der Cloud und im Echtzeitweb:
Ich würde mich als Netzbürger bezeichnen, der im Realtime Web zuhause ist. Ich empfange meine E-Mails per Push auf dem Handy, lasse mich über Twitter-Mentions und Direct Messages per Push auf dem Handy benachrichtigen, pflege Diskussionen in Blogs, per Videoantworten auf YouTube und kommuniziere mit Freunden und Bekannten in sozialen Netzwerken. Mein Adressbuch auf dem Handy heißt Xing oder Facebook. Meine Notebookfestplatten sind weitestgehend leer, meine Daten sind immer und überall für mich erreichbar und lieben auf Servern verstreut oder in der Cloud bei Online-Angeboten. Meine private Homepage ist ein Blog, vielmehr ein Social Media Room, in dem ich wie hier auf der Website der Isarrunde Inhalte aus dem Netzt zusammensammle.

Anmerkung von Michael Reuter: Das unterschreibe ich nahezu komplett. Auch ich bin immer auf vielen Kanälen erreichbar, wenn ich will. Dabei ist der jeweilige Kanal irrelevant - nur mit der physischen Post habe ich mittlerweile Probleme, weil ich den Gang zum Postamt bzw. Briefkasten scheue. Viele meiner Daten sind in der Cloud und lokal gespeichert, weil dies zumindest für rechtsverbindliche GmbH-Unterlagen vorgeschrieben ist, ein Backup nicht aufwendig ist und somit Datensicherheit gegeben ist. Jeder, der Erfahrungen mit einem Festplattencrash hatte, weiß, wovon ich spreche.

Keine digitale Vereinsamung:
Ich glaube es kommt nicht darauf an, wie viele Kommunikationskanäle man für sich und andere öffnet, sondern nur, wie man sie priorisiert. Niemand kann auf alles gleichzeitig reagieren. Frank Schirrmacher ist der Meinung, man sein durch iPhones, Twitter und Facebook nicht mehr in der Lage zu fokussieren, oder nicht zu reagieren. Da bin ich anderer Meinung. Ich kann natürlich nicht allen Personen, die etwas von mir verlangen gleichzeitig antworten. Ich muss zuhören und ausblenden können. Aber über der Kanal spielt dabei keine Rolle. Ich genieße es dabei sogar einen reichhaltigeren Sound meiner Gespräch durch die verschiedensten Kommunikationsformen zu bekommen. Twitter-Nachrichten, Facebook-Posts und Blog-Kommentare sind für mich verschiedene Tonalitäten eines Gesprächs und die Existenz von Barcamps und Twittwochs sind für mich keineswegs Nerd-Veranstaltungen, sondern der Beweis dafür, dass Menschen mit einem neuartigen Kommunikationsverhalten selbstverständlich auch weiterhin in der Lage sind, sich real in die Augen zu sehen und ein Gespräch zu führen.

Anmerkung von Michael Reuter: Jeder Mensch kann Herr über seine Kommunikation sein. Wenn ich mich in netter Runde unterhalte und das Telefon klingelt, kann ich, muss aber nicht abheben. Wie Michael sagt: es ist einzig eine Frage der Priorisierung. Dies ist für mich eine Grundfrage menschlicher Kommunikation: immer wieder geben sich geschäftliche Gesprächspartner in Meetings gestresst, nutzen jede Pause für Telefonate und checken unentwegt ihre emails und Twitter Accounts. Wer, so frage ich mich, ist so wichtig, dass eine minütliche Verfügbarkeit zwingend erforderlich ist? In eng definierten Servicevereinbarungen mit Rechenzentren wird beispielsweise definiert, dass bei einem Serverausfall binnen 30 Minuten sich ein Techniker der Sache annimmt. Im zwischenmenschlichen Bereich meinen viele, diese Servicezeit auf unter 5 Minuten eingrenzen zu müssen. Das kann man so halten, wird aber - wie jüngst Miriam Meckel, die einen Burnout erlitt - die Konsequenzen tragen müssen.

Wegfall von Selbstbestimmung:
Allerdings teile ich auch die Ansicht von Frank Schirrmacher, dass wir nicht mehr alleine unsere Aktivität und Sichtbarkeit in der digitalen Welt bestimmen können. Unser soziales Umfeld und zunehmend auch Computersysteme stecken uns in eine von uns durch unser gesamtes Verhalten berechnete Schublade.

Anmerkung von Michael Reuter: Hier widerspreche ich sowohl Herrn Schirmmacher, als auch Michael: Wie weiter oben gesagt: die Nutzung der Techniken und Technologien sind zunächst einmal jedermann freigestellt. Was ich ins Internet schreibe, entscheide ich allein. Anders ist es mit dem, was andere über mich sagen bzw. schreiben - dies ist jedoch ein nicht auf eine Technologie beschränktes Problem sondern eines des menschlichen Miteinanders. 

Frank Schirrmacher treibt die große Sorge, digitale Systeme könnten Krankheiten richtig oder falsch voraussagen und entsprechend die Entscheidungen von Krankenversicherungen beeinflussen. Entscheidungen würden nach Schirrmachers Vision nicht mehr von Menschen, sondern bereits heute meist von Maschinen getroffen. Als Beispiel führt er die weltweite Finanzkrise an. Die mitunter best-informiertesten Menschen hätten die falschen Entscheidungen getroffen.

Diese Einschätzung finde ich etwas zu einfach. Sicherlich werden wir in den nächsten Jahren noch viel mehr „Fortschritt“ erleben, der auch seine Risiken mit sich bringt, aber auch die erstmalige Verwendung der Elektrizität hat der Menschheit nicht nur Gutes beschert. Im Gegensatz zu vielen Blogs und Twitter-Einträgen nach dem TV-Talk mit Schirrmacher bei Jauch und Beckmann hatte ich aber nicht den Eindruck Frank Schirrmacher würde die Technologien verteufeln.

Anmerkung von Michael Reuter: Zu Beginn der Automobilproduktion wurde gemutmaßt, dass den Menschen Geschwindigkeiten von mehr als 40 km/h nicht zuzumuten seien, da der Körper diese nicht verkraften würde. Heutzutage gibt es (Querschnitts-)Studien, die annehmen, dass beispielsweise aktive Computerspieler ihr Verhaltensweisen aufgrund ihrer spielerischen Tätigkeit verändern. Nahezu alle Prognosen zu (meist negativen) Auswirkung von Technik waren falsch. So gibt es m.E. auch keinen Grund zur Annahme, dass unsere derzeitige Generation eine tiefere Erkenntnis gefunden habe und nunmehr korrekt die Veränderungen durch Technik voraussagen könnte. Daher: Jeder möge soviel kommunizieren wie er möchte. Hört er auf die Signale seiner Umwelt und die seines Körpers, wir er hoffentlich rechtzeitig Urlaub einlegen oder zumindest den Blackberry ausschalten.

Update: Frank Schirrmacher hat sich soeben per E-Mail noch mal gemeldet und ebenfalls ein paar Anmerkungen gesendet, die ich gerne hier mit seiner Zustimmung veröffentliche:

Ich habe sehr gern mit Michael Praetorius diskutiert. Und hier einmal eine Kurzfassung meiner Grundaussagen: 

  1. Wir sollten unsere Zeit nicht damit verschwenden, zu diskutieren, ob man das Internet braucht oder nicht, ob irgendjemand es abschaffen oder vorantreiben will. Man diskutiert ja auch nicht darüber, ob sich nicht vielleicht doch die Sonne um die Erde dreht. Diese Linie der Debatte ist pure Zeitverschwendung, Nur weil man Wordpress bedienen kann und twittert, weiss man noch längst nicht, was das Internet mit uns macht. Mir kommt das vor, wie jene edlen Wilden, die staunend vor schimmernden Objekten stehen. Ja: das Netz ist genial. Und Google ist es auch. Aber es ist nicht nur ein Spiel. Es ist ein kapitalistischer Raum, in dem Gesetze des Marktes herrschen und in dem Waren, Gedanken und Menschen verkauft werden oder sich verkaufen. 

  2. Internet nicht nur das WWW. Internet sind weltweit vernetzte Computer.
    Es sind die Computer, die wir benutzen und auf denen wir bloggen, es sind unsere Handys und Smartphones. Aber es sind auch die Server von Google, die Netzwerke von Unternehmen, von Staat, Militär, Versicherungen, Banken, Krankenkassen und Verwaltung. Anders als viele Menschen glauben, sind die nicht vom Netz getrennt. Sie beziehen ständig Informationen aus dem Internet und werten sie für eigene Zwecke aus. Google ist eine Alltagswaffe für den Alltagsgebrauch. Aber längst sind hochspezialisierte Suchroboter entstanden, die, wie ich es in "Payback" beschrieb, Menschen in Mathematik verwandeln, um ihnen Waren zu verkaufen, sie einzuordnen, ihre Kreativität zu berechnen, ihre Gesundheit, ihre Leistungsfähigkeit. 

  3. Gerade weil ich glaube, dass das Netz alle Lebensbereiche beeinflusst und verwandelt, halte ich es für zwingend, über die Konsequenzen nachzudenken. 
    Der Komplexitätsgrad des Netzes wächst täglich. Dieses Wachstum bezieht sich nicht nur auf neue Inhalte. Es bezieht sich auf die VERNETZUNG aller Inhalte, die ganz anderen Gesetzen folgt, als denen, die wir aus unserem täglichen Leben kennen. Die Mediendebatte beispielsweise ist tatsächlich nur noch ein Nischenthema, in dem worum es im Netz eigentlich geht. 

  4. Ich gehe aus von der persönlichen, mittlerweile breit dokumentierten Erfahrung der Aufmerksamkeitsstörungen.
    Eine aktuelle Debatte findet sich hier: http://www.britannica.com/blogs/2009/12/multitasking-boon-or-bane-a-new-britannica-forum/. Der Einwand, schalte doch deine Geräte ab ist ebenso abwegig wie die These es handele sich um ein Generationenproblem. Multitasking, wie Nicholas Carr zu Recht schreibt, ist deshalb ein Problem, weil wir im Informationszeitalter gezwungen sind, nur noch zu multitasken. Meine Frage ist eine ganz andere: je stärker die Aufmerksamkeitsdefizite, je stärker der Verlust an Intuition und an nicht-algorithmischen Denkprozessen, desto abhängiger werden wir zwangsläufig von den Maschinen. Gesetzt, ich selbst kriege das hin. Wie steht es aber mit meinem Arbeitgeber, der Krankenkasse, dem Staat, die exakt auf diesen Systemen aufbauen? Es sind Rechner, die nicht nur über unser Weg zur Eisdiele per Navigationssystem urteilen und entscheiden (und zwar ziemlich genial) sondern auch über Lebensläufe, Fähigkeiten, Potentiale. 

  5. Meine Forderung: das Internet ernst nehmen heisst unsere Schulen, Universitäten, Arbeitsplätze, aber auch die Medizin fundamental zu ergänzen. 
    Wir müssen erkennen, dass Unberechenbarkeiten, Intuitionen, Bauchgefühle zu den gefährdetsten Spezies im digitalen Zeitalter gehören. Der Satz: "ich bin mehr als das Netz über mich weiß" ist existentiell. Die Debatte pro-Internet und contra-Internet ist läppisch. Es geht um die Frage, wie wir im Internetzeitalter überleben können als die, die wir sind.

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Kommentare zu “Absaufen in der Informationsflut”

  • von Jens Best

    Herr Schirrmacher irrt sich auf zwei Ebenen hinsichtlich des Einflusses des Internets: Gesellschaft und das einzelne Individuum.

    Als Beispiel wird gerne die weltweite Finanzkrise angeführt. superduper-schwere Algorithmen und maschinell ausgelöste buy/sell/undsonstwie-Orders wären genauso schuld wie die armen Fond-, Account- und Bankmanager, die vor lauter Information das Chaos nicht haben kommen sehen.

    Falsch. Alles.

    Es ist die grenzenlose Gier dieses Menschenschlages, die zu der Finanz-„Katastrophe“ geführt hat. Es ist der kleine Kapitalist in den meisten von uns, der an grenzenlose Gewinne in einer endlichen Welt glaubte.
    Das Internet trifft keine Schuld. Ein Hammer kann als Waffe oder Werkzeug eingesetzt werden. Ebenso verhält es sich auch mit allen Datenbanken und logischen Algorithmen, mit denen wir diese ordnen und Ergebnisse auswerfen lassen. Entscheidungen allerdings liegen in den Händen des Menschen.

    Die verfügbare Datenlage macht uns eines klar: unser bisheriger Lebensstil ist nicht haltbar, unsere bisherige unfertige, unreife Art miteinander umzugehen, verdient es nicht, den Begriff menschlich zu tragen. Wir werden von den Datenmassen darauf zurückgeworfen, über das „Warum“ jeglicher Interaktion nachzudenken, wirklich gerechte Formen der Partizipation und Kollaboration werden über Online-Tools möglich und entwickeln das gesellschaftliche Zusammenleben weiter.

    DAS ist es, was die konservativen „Warner“ vor dem Internet umtreibt - die unbewusste Erkenntnis, dass das System Kapitalismus, wie es sich nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Jahrzehnte in unsere Gesellschaft gefressen hat, objektiv unhaltbar wird UND das es gleichzeitig zarte Entwicklungen einer gerechteren Kommunikation und damit Entscheidungsmöglichkeit gibt. Entscheidungen getroffen von freieren und verantwortungsvolleren Menschen.

    Womit wir beim zweiten (eingebildeten) Hindernis wären, welches nicht nur die rechten Retro-Analog-Fanatiker umtreibt, sondern auch manch progressiven Geist in stiller Stunde zweifeln lässt – ist der Mensch (1.0) bereit für eine solch gerechtere (datenbasierte) Welt, in der er, befreit vom Faktensammeln, sich auf Emotion und Erkenntnis konzentrieren kann?

    Genau hier setzt die Aufgabe von denen an, die den Menschen im digitalen Zeitalter in den Mittelpunkt der Entwicklung stellen, eingebunden in ein reichhaltiges Wissen um seiner Umgebung, geprägt von dem Willen, eine bessere Welt zu befördern.

    Wir leben in einer Zeit großer kultureller Umbrüche. Ob der Mensch die digitalen Mittel sorgsam einsetzen wird, hängt davon ab, dass wir auch endlich im deutschsprachigen Kulturkreis aufhören uns an das alte kapitalistische System zu krallen und als freiheitliche Individuen solidarisch zu neuen Ufern aufbrechen.

    Die stark digital organisierte Zivilgesellschaft hat aktuell in Kopenhagen gezeigt, dass sie mit ihren Wünschen weiter ist, als im alten nationalistischen Denken gefangene „Staatenführer“ umsetzen können. Der digitale Bürger ist ein Weltenbürger. Als solcher lebt er in seiner digitalen Realität wie in seiner lokalen Welt schon längst nach anderen Regeln, als denen, die in Tonnen von Papier, geordnet nach Paragraphen und Absätzen niedergeschrieben sind.

    Der digitale Bürger lebt nach Absprachen und Umgangsformen, die von der ersten Sekunde des Webs geprägt waren von Respekt und Vertrauen und nicht etwa von Kontrolle und Angst, wie es die aktuellen Herren der Analogwelt gerne zelebrieren.

    Diese grundlegend andere Kommunikationskompetenz gilt es zu vermitteln: hier ist der Ansatz für eine dem kulturellen Übergang verpflichtete (auch nationalen) Erziehung, Bildung und Moraldiskurs. Gegenseitiger Respekt, Offenheit, Authentizität, das Erkennen und Verurteilen von Lügen sind die wahren Grundlagen für eine moderne Medienkompetenz.

    Viele vom Geist des Kapitalismus verseuchte Menschen treiben auch im Digitalen ihr altes Schindluder. Diese gilt es mit aller Härte des Gesetzes zu bestrafen und mit aller Erkenntnis des Aufgeklärten zu missachten. Wer Spam verschickt, für Produkte und Dienstleistungen (wie z.B. Klingeltöne oder Bücher) horrende Preise verlangt oder einfach das Recht des Einzelnen auf digitale Selbstbestimmung missachtet, gehört in die alte Welt und ist ein Feind der modernen Gesellschaft.

    Also, Herr Schirrmacher, wir müssen nicht unser „Denken zurückgewinnen“, wir müssen es ändern aufgrund der Erkenntnisse durch die digitale Revolution. Wir sind auch nicht „gezwungen etwas zu tun, was wir nicht wollen,“ wir sind nur gezwungen zu erkennen, dass unser bisheriges Handeln ungerecht war und nicht der Gemeinschaft diente.

    Nicht die Tatsache, dass „das Internet Menschen in Mathematik verwandelt“ um ihre „Kreativität, ihre Gesundheit und ihre Leistungsfähigkeit zu berechnen “ ist das Problem, sondern wie wir Menschen diese Ergebnisse bewerten, wie wir als Menschen direkt und gegenseitig mit diesen Bewertungen umgehen – in welche Wertewelt wir diese Ergebnisse einfliessen lassen. Und ja, das bisherige kapitalistische System ist da wahrlich nicht zimperlich mit den Menschen und ihrer Umwelt umgegangen. Wir brauchen nicht weniger Daten, nicht weniger (maschinelle9 Vernetzung, sondern andere Maßstäbe für einen aufgeklärten Menschen von heute – dem Mensch 2.0

  • von Benedikt Köhler

    "Es geht um die Frage, wie wir im Internetzeitalter überleben können als die, die wir sind." Ich glaube, auch an diesem Punkt reduziert Frank Schirrmacher die Komplexität ohne Grund. Denn dieses Argument beruft sich auf ein essentielles "wir" jenseits jeglicher medialer Vermittlung und Entäußerung. Dieses "wir" ist uns schon vor einer ganzen Weile "verloren" gegangen. Das ist für mich ehrlich gesagt noch keine nenneswerte Weiterentwicklung des uralten Arguments gegen die Berechenbarkeit des Menschen.

    Man findet die ganzen Argumente wunderbar auch bei Autoren des frühen 19. Jahrhunderts wie zum Beispiel Lueders in seiner Kritik der Statistik oder natürlich bei Foucault, der sich einen großen Teil seiner mittleren Phase genau mit diesem Problem der statistischen Regierung von Populationen intensiv auseinandergesetzt hat.

    Seit irgendein digitaler Eingeborener avant la lettre im alten Babylon auf die Idee gekommen ist, lebendige Dinge in eine formale Sprache zu übersetzen und auf Tontafeln zu verbannen, gibt es einen kritische Begleitchor, der sich mit dieser Reduktion auf eindimensionale Menschen nicht einverstanden fühlt.

    Persönlich finde ich gerade diesen Aspekt der Digitalisierung - dass es Technologien, also Verlängerungen von Körperteilen, gibt, die Dinge besser (berechnen) können als unser Gehirn - nicht so wirklich spannend.

    Vielleicht ist das aber auch die Pointe - dass der Neo-Foucauldianer Schirrmacher in seiner Internetkritik so berechenbar argumentiert, als wären seine Denkfiguren von einem Computer errechnet und entwickelt worden.

  • von Hans Oberberger

    Mir kommt bei der Debatte ein wesentlicher Aspekt zu kurz: Die soziale Komponente. Ob und wie die Menschen mit den neuen technischen Möglichkeiten umgehen, ist von Individuum zu Individuum sehr unterschiedlich. Viele digital natives werden keine Probleme damit haben, sich selbst als Teil eines digitalen Kommunikationsnetzwerks zu begreifen. Die Interaktionen werden sich wandeln, wie sie das auch mit der Einführung des Telefons getan haben. Zunehmende Möglichkeiten aber verlangen zunehmende Fähigkeiten. Und die werden nicht alle mitbringen. Hier bin ich ganz bei Herrn Schirrmacher. Es ist deshalb zu befürchten, dass es eine sich öffnende Schere in einem immer umfassenderen Kommunikationsbereich geben wird. Ein Mensch ohne Email und Internetzugang existiert in der von Michael Praetorius aufgezeigten Welt nicht. Und er hat umgekehrt keinerlei Zugang zu bestimmten Informationen. Natürlich gab es auch vor der digitalen Revolution schon eine informationelle Kluft in der Gesellschaft. Die Digitalisierung aber wird diesen Graben dramatisch vertiefen - eine Entwicklung, die sich eine ohnehin stetig weiter auseinander driftende Gesellschaft nicht leisten kann.

  • von Frank Schirrmacher

    @Köhler/Best: Werden wir doch einmal empirisch. Ich schlage mal vor sich mit dieser Website zu befassen, ein Unternehmen, das bereits mehrere multinationale Konzerne bedient. Im Schnitt dauert es bei "heavy internet usern" nur ein paar Minuten bis ein Pseudonym gelüftet ist:
    http://www.cataphora.com/

  • von Benedikt Köhler

    @Schirrmacher: Aber genau das ist nichts neues. Marktforschung gibt es seit 60 Jahren, Statistik sogar seit 4000 Jahren. Dass die Methoden und Algorithmen immer besser werden, ist doch nicht überraschend.
    Das Lüften von Synonymen hat auch schon ohne Internet gut funktioniert - Philologen oder Kunsthistoriker können sogar die Entäußerungen des kreativ-ideosynkratischen Menschen schlechthin sehr treffsicher zuordnen - des Künstlers oder Autors!
    Überraschend finde ich aber, dass sich noch kein größerer Markt um die Prophylaxe und Abwehr dieser Wissenstechniken gebildet hat.

  • von Frank Schirrmacher

    @Köhler: Sehr geehrter Herr Köhler, ich merke immer häufiger, dass Netz-Diskurse nicht an die Quellen. Das ist keine Marktforschung! Sie müssen genau lesen. Schauen Sie hier, es geht um psychologisch-mathematische Taxonomie. Nur ein Beispiel: alle Alarmglocken der Supervisor Software schrillen, wenn in einer email steht: "Wir müssen das mal persönlich bereden". Siehe:
    http://www.businessweek.com/magazine/content/09_12/b4124046224092.htm?chan=magazine+channel_new+ideas+for+talent

  • von Michael Reuter

    Um einer etwaig sich öffnenden Schere im Kommunikationsbereich (@Oberberger) zu begegnen, sollte dieser Diskurs über den Kommentarthread hinaus fortgesetzt werden!

    Es schreit geradezu nach einer (friedlichen) Konfrontation der Thesen, damit möglichen Fundamentalismus-Vorwürfen begegnet werden kann. Auf, meine Herren - lassen Sie uns einen Anfang machen und ein bisschen Konkretheit - bzw. Empirik @Schirrmacher @Köhler - in eine bislang theoretische Diskussion bringen. Wer ist dabei?

  • von Hans Oberberger

    @Reuter: Ich bin sehr für eine friedliche Konfrontation ;-) gerne auch über den Kommentarthread hinaus (keine Empirik aber etwas ausführlichere Theorie zu meiner These schon mal unter http://politiklust.de/2009/11/29/der-digitale-tod-des-gemeinsinns ) Konfrontieren wir!

  • von Sascha Stoltenow

    Der Diskurs zeigt für mich, dass auch das Internet immer beides ist: Gefahr und Chance. Der Verweis auf Antike Philosophen und Mathematiker beweist dabei jedoch weder das eine noch das andere. In der Tat lagen und liegen den finanzmathematischen Modellen, die mit krisenauslösend waren, Statistiken zu Grunde. Diese Modelle aber sind immer Mensch gemacht. Zahlen sind halt auch nur Buchstaben. Gefährlich - und daher der Gestaltung durch uns bedürftig - halte ich in diesem Zusammenhang folgende Aspekte:

    - Anfälligkeit für Skaleneffekte: Algorithmen (auch bspw. Zinsenszins) beschleunigen eine Ungleichverteilung, die "natürliche" Maße deutlich übersteigen, wie dies die Akkumulation von Kapital und die nur statistische Verteilung von Risiken auf den Finanzmärkten zeigt (sehr einsichtig dazu The Black Swan).

    - Voraussetzungslose Kommunikation und Flashmob als Diskursprinzip: Gesellschaftliche Fundamente und Erkenntnisse sind zwar nicht per se gesetzt, sie unter Verweis auf die Echtzeitigkeit aber bei Seite zu wischen, ist mir zu wenig. Ich wünsche mir nicht blinde Anerkennung vermeintlicher Wahrheiten, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit Basics als kulturelles Prinzip. Die Alternative ist die permanente Aufmerksamkeitsstörung, die zu einer kontinuierlichen Eskalation und Anfälligkeit für Populismus mit potentiell unerfreulichen Folgen führt, siehe Minarettverbot in der Schweiz.

    In diesem Sinne wünsche ich mir eine Aufklärung 2.0, die die Chancen, die Köhler et.al. hier beschreiben auch denen verfügbar macht, die nicht über die entsprechende Ausbildung verfügen.

  • von Sabria David

    Sehr schön. Weiter so! Ich behalte das im Auge, wie der vorbildliche Diskurs-Ping-Pong hier weitergeht: http://www.text-raum.de/zweiraum/diskurs-ein-hin-und-hergehendes-gesprach

  • von PickiHH

    Wunderbar. Ich sitze im Zug und habe Zeit.

    Vorab. Ich fand den TV-Talk mit den Herren Jauch, Beckmann und Schirrmacher recht gut und habe Herrn Schirrmacher keineswegs als technik- oder internetfeindlich empfunden.

    Ich selbst sehe mich weder als Digital Native noch als Analogoma, sondern wenn überhaupt als digitaler Migrant. Ich bin zwar im Netz, seit das WWW öffentlich zugänglich ist, hatte zu diesem Zeitpunkt aber bereits die Pubertät hinter mir. Gott sei Dank, ich wäre ungern pubertär in dieser Social Web Findungszeit. Wo es bei mir noch ausreichte, Coolness durch möglichst lässigen Ziehen an einer Zigarette zu demonstieren ist der soziale digitale Vernetzungsdruck durch Schüler- und Studi-VZ ungleich höher.

    Nichtsdestotrotz bin ich mit Leib und Seele Informatikerin und bedaure, dass ich nicht auch noch Physikerin bin, denn ich würde liebend gerne Atome aufeinanderschiessen oder einen Nanochip erfinden, der unsere Gehirnleistung maximiert. Ich wäre die Erste, die ihn sich einsetzen lassen würde.

    Dennoch stimme ich Herrn Schirrmacher in fast allen Punkten zu. Ja, das Netz hat uns bereits verändert, es verändert uns weiterhin und es ist notwendig diesen Vorgang stetig zu reflektieren. Natürlich ist es so, dass der Handel mit personenbezogen Daten ein Milliardenmarkt ist und dieser weiterhin wächst (finde ich nicht gut). Natürlich ist es so, dass Supermärkte unsere Kassenbons analysieren und entsprechend ihre Waren strukturieren (finde ich gut).

    Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Algorithmen bereits heute und in Zukunft verstärkt, unsere Entscheidungen beeinflussen und weiterhin beeinflussen werden. Algorithmen sind ja nichts anderes als ziemliche viele "wenn-dann" Regeln, die einen komplexen Sachverhalt relativ schnell abarbeiten können. Wo gaaaanz früher der Bankangestellter noch seine subjektive Einschätzung bei einer Kreditentscheidung einbringen konnte, trifft heute ein Algorithmus die Entscheidung oder zumindest eine bindende Empfehlung. Intuition und Bauchgefühl werden ausgeschaltet. Diesen Umstand finde ich vollkommen falsch und ich schätze, dieser Meinung werden sich die meisten hier anschliessen. An diesem Punkt sehe ich zumindest keinen Unterschied zwischen @JensBest und Herrn Schirrmacher.

    Ich finde, Kapitalismus und Internet (oder Algorithmen) haben nur soviel miteinander zu tun, als das sich Ersterer dem Letzteren bedient. Gerade das letzte Beispiel zeigt dies deutlich - nicht die subjektive Entscheidung auf Basis einer Faktenlage, sondern die ökonomisch rationale Entscheidung wird zur Gewinnmaximierung und Risikovermeidung bevorzugt. Und ja, das geht auch ohne Computer, aber: SO ist es viel einfacher und schneller.

    Ich bin ein Fan von Privateigentum und freiem Handel. Insofern wohl auch ein Fan des Kapitalismus.
    Ich bin ein Fan von Privateigentum und freiem Handel. Insofern wohl auch ein Fan des Internets.
    Ups.

    Bedingungen für beides sind Fairness und Transparenz.

    Ach, ich schweife ab.

    Was ich eigentlich nur sagen wollte: Ich sehe hier in den Diskussionen nur wenig unterschiedliche Standpunkte.

  • von Jens Best

    @PickiHH (Schön dich hier zu sehen :) - Ich denke schon, dass "der Kapitalismus", wie er in den letzten Jahrzehnten in Deutschland stattfand, mit einigen Aspekten des Web 2.0 Probleme haben wird. Ich meine z.B. den Anspruch an Transparenz und (unverlogene) Authentizität.
    Aber darum geht es hier ja nicht primär.

    Deswegen:

    Was wäre, wenn Google irgendwann zuviel Informationen von mir hätte, dass ich gewisse Entscheidungen an einen Avatar (oder Online-Agen) abgeben könnte. Das könnte dann so aussehen:

    „Bezogen auf den aktuellen Daten-Wissenstand stimmt Herr Best folgenden Europäischen Gesetzesinitiativen zu...(auflistung)....Diese Entscheidung beruht auf von Herrn Best verifizierten Datenanalysen und werden von der Orignal-Entität Best nicht widersprochen. Lediglich folgende Entscheidungen, die vom Parlament als „unbedingt direkt-human zu entscheiden“ gekennzeichnet wurden, sind an ihn mit den jeweiligen Dringlichkeitslabeln weitergeleitet worden.“

    Und PickiHH antwortet mir auf diesen Gedankengang auf Skype gerade (nur um noch ein weiteres Medium in diesen crossmedialen Kommunikationsstrang einzufügen):

    „Sind die Medien denn nicht auf eine Art bereits diese Avatare?“

    ...und somit wären wir bei der beliebten Filter-Diskussion, die in 2010 hoffentlich mal einen Schritt vorankommt.

  • von PickiHH

    @jensbest
    um ganz korrekt zu sein, war mein Skype Kommentar:
    "ich frage mich gerade, ob diese Avatare nicht schon immer die Medien waren ,die wir uns wählen"

  • von Frank Schirrmacher

    Ich bin gerne zu jeder Diskussion auch über threads hinaus bereit. Zu diskutieren wäre nicht nur das User-Netz-Interface, sondern all die Schnittstellen, die in den letzten Monaten entstanden sind, und die in Wirtschaft und Staat implantiert werden. Zur Frage der Technologiekritik empfehle ich: http://www.kk.org/thetechnium/archives/2009/08/the_most_powerf.php
    Zur Frage des Multitaskings:http://www.roughtype.com/archives/2009/12/hypermultitaski.php

  • von Jormason

    Was für eine schöne Debatte und schön euch hier zu sehen Picki und Jens. Dein erster Kommentar Jens war für mich der aussagekräftigste, es geht nicht um das Retten althergebrachter Denkmuster und somit den bekannten Wegen der Wissenserschließung, es geht verdammt nochmal darum das wir die technischen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation umarmen, weiterentwickeln und somit meiner Meinung nach nur gewinnen.

    Diskussionen über Datenschutz und Ethik sind zu führen, ja aber es ist doch nicht der Siedepunkt des Themas in diesem Fall! Sebr schön fand ich das Sie Herr Schirrmacher in der zitierten Mail von Intuition sprechen und über die Frage wie wir überleben können im Internetzeitalter als die die wir sind! Danke für diese Frage!

    Ich bin nach 1980 geboren und könnte mich somit als Digital Native bezeichnen, obwohl Prensky diese Begriffsdefinition derzeit selber nicht mehr unterstreicht, ich würde mich wie von Herrn Praetorius oben sehr treffend beschrieben als Digital Inhabitant bezeichnen und hier meine Antwort: "Das Netz gibt mir erst die Möglichkeit vielfache Interessen, Kontakte, Ideen und ne ordentliche Portion Quatsch zu erschließen. Ich bin was ich bin natürlicu durch meine Erziehung, Sozialisierung und Bildung aber im Netz finde ich Kontaktknoten die mich regelmäßig vor Freude vor meinem Rechner jauchzen lassen. Denn Respekt und Vertrauen als Grundlage sowie in die spannende Erkenntis das man schnell im Geiste verwandte Kontakte findet sind für mich teil meines Online Lebens.

    Und die Gespräche die ich mit gleichaltrigen und Jüngeren führe (und zwar genauso oft Offline wie vor 10 Jahren, komischerweise sogar in bestimmten Bereichen intensiver) bestätigen mich darin die Internet Technologien zu umarmen und willkommen zu heißen und sich nicht zu verschließen.

    Nichtsdestotrotz bin ich für einen reflektierten Diskurs um Punkte wie "das Internet ernst zu nehmen heiss unsere Schulen, Universitäten, Arbeitsplätze (...) fundamental zu ergänzen"

    Ich würde mich freuen einen offenen Diskurs darüber zu führen, gerne mit allen Teilnehmern dieser im übrigen etwas einseitigen Comment-Diskussion. Wie wäre es mit einem OpenSpace zu diesem Thema oder einer Panel-Diskussion? Gerne bei mir in Hamburg ich organisiere den Rahmen bei Zusage!

    Interesse?

  • von Michael Praetorius

    Mich begeistert in dieser Diskussion die neue Idee einer Slow Media Entwicklung: Benedikt Köhler beschreibt in seinem Blog (http://blog.metaroll.de/2010/01/03/let-it-slow-2010-wird-das-jahr-der-slow-media), wie sich im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts die technologischen Grundlagen der Medienlandschaft tiefgreifend verändert haben. Vernetzung, Internet und soziale Medien seien die wichtigsten Umsturztrends. Im zweiten Jahrzehnt werde es nun weniger darum gehen, neue Technologien zu finden, die das Produzieren von Inhalten noch leichter, schneller und kostengünstiger gestalten. Stattdessen werde es darum gehen, angemessene Reaktionen auf diese Medienrevolution zu entwickeln – sie politisch, kulturell und gesellschaftlich zu integrieren und konstruktiv zu nutzen.

    Dieses Konzept beschreiben Benedikt Köhler, Sabria David und Jörg Blumtritt als Slow Media - abgeleitet von dem Begriff des Slow Food. Dabei gehe es nicht um schnelle Konsumierbarkeit, sondern um Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und um Konzentration in der Zubereitung.

    Diesem Gedankengang folgt dann auch ein Manifest das sich den folgenden Grundsätzen widmet, die ich mir auch als tollen Kodex für Qualitätsjournalisten vorstellen könnte:
    1. Slow Media sind ein Beitrag zur Nachhaltigkeit

    2. Slow Media fördern Monotasking

    3. Slow Media zielen auf Perfektionierung

    4. Slow Media machen Qualität spürbar

    5. Slow Media fördern Prosumenten

    6. Slow Media sind diskursiv und dialogisch

    7. Slow Media sind soziale Medien

    8. Social Media nehmen ihre Nutzer ernst

    9. Slow Media werden empfohlen statt beworben

    10. Slow Media sind zeitlos

    11. Slow Media sind auratisch

    12. Slow Media sind progressiv, nicht reaktionär

    13. Slow Media setzen auf Qualität – sowohl in der Produktion wie bei der Rezeption von Medieninhalten

    14. Slow Media werben um Vertrauen und nehmen sich Zeit, glaubwürdig zu sein. Hinter Slow Media stehen echte Menschen. Und das merkt man auch.

  • von Nico Düsing

    Wenn ich das richtig beobachtet habe, gibt es 2 wesentliche Richtungen dieser Diskussion bzw. der Kritik an dem Medium Internet.

    Zum einen würde einen das Multitasking durch das Internet aufgezwungen und einem schaden zufügen.

    Wir können durchaus mehrere Dinge gleichzeitig machen. Beispielsweise einen Besen in der einen Hand halten, ohne dass er auf dem Boden aufkommt, nebenbei die Vase auf dem Tisch zurecht rücken und mit einem Freund über Politik reden. Ich habe sogar festgestellt, dass ich gleichzeitig etwas tippen und jemandem zuhören kann.

    Logischerweise bekomme ich dann von beidem nur die Hälfte mit. Denn unsere Gehirne können, genauso wenig wie Ein-Kern-Prozessoren von Computern Multitasking. Wir und die Computer schalten nur schnell zwischen beiden hin und her. Es ist klar, dass wir da Dinge verpassen und nicht die Zeit haben über andere nachzudenken.

    Manchmal reicht es, wenn man nur halb hinhört (bei Moderationen im Radio, beim Austauschen von Begrüßungsfloskeln, etc.). Aber wenn es um komplexere Dinge geht brauchen wir mehr Aufmerksamkeit und sollten die Vase und den Besen besser stehen lassen. Die Aufgabe ist also zu lernen sich auf die richtigen Dinge zu konzentrieren und den Rest abzuschalten.

    Zum anderen sei die Informationsflut eine Gefahr für unsere Individualität und mache uns berechenbar. Fakt ist aber, dass wir nie komplett berechnet werden können.

    Die Gruppen, denen wir durch Algorithmen zugeordnet werden können, sind wie Vorurteile und die hat es schon lange vor dem Internet gegeben. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, sie als Vorurteile zu werten. Wenn mein Persönlichkeitsprofil sagt, dass ich SPD wähle und angenommen es würde sogar zutreffen. Wenn dann am Tag vor der Wahl aber ein Freund zu mir kommt und überzeugt mich stattdessen die Grünen zu wählen, dann kann die Statistik sonst was sagen. Wir können vieles vorhersagen, aber jeder von uns wird trotzdem immer seine eigenen Entscheidungen treffen. Und diese sind und waren immer schon durch Meinungen anderer (Eltern, Freunde, Regierung, Medien, ...) beeinflusst, bzw. bilden sich daraus.

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