Absaufen in der Informationsflut

Ich (Michael Praetorius) bin heute auf den Buch-Autor und FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher gestoßen. Wir waren beide zu Gast in einer Radiotalkshow auf Antenne Bayern. Und Michael Reuter gibt auch seinen Senf dazu.

Frank Schirrmacher kritisiert die ständige Gleichzeitigkeit, der wir ausgesetzt sind, Multitasking sei etwas, was Menschen überhaupt nicht können. Die explosive Verbreitung von Smartphones sei eine große Überforderung für uns. Ich glaube dagegen, man sollte sich nicht von neuen Kommuniaktionsmitteln überfordern lassen, sondern diese ganz gezielt als Tools einsetzen.

Auf den ersten Blick sind Frank Schirrmacher und ich komplett unterschiedlicher Meinung, wenn es um den Umgang mit dem Social Web und unser Kommunikationsverhalten geht. Im längeren Gespräch glaube ich aber verstanden zu haben, was Frank Schirrmacher meint, wenn er in seinem jüngsten Buch, Payback, von den Schwierigkeiten spricht, die er mit der digitalen Welt hat. Nun ist so eine Radiosendung egal wie lange die Sendezeit ist, doch immer zu kurz. Deshalb nutze ich diese Website hier, um dem Thema noch etwas mehr Raum zu geben.


Leben in der Cloud und im Echtzeitweb:
Ich würde mich als Netzbürger bezeichnen, der im Realtime Web zuhause ist. Ich empfange meine E-Mails per Push auf dem Handy, lasse mich über Twitter-Mentions und Direct Messages per Push auf dem Handy benachrichtigen, pflege Diskussionen in Blogs, per Videoantworten auf YouTube und kommuniziere mit Freunden und Bekannten in sozialen Netzwerken. Mein Adressbuch auf dem Handy heißt Xing oder Facebook. Meine Notebookfestplatten sind weitestgehend leer, meine Daten sind immer und überall für mich erreichbar und lieben auf Servern verstreut oder in der Cloud bei Online-Angeboten. Meine private Homepage ist ein Blog, vielmehr ein Social Media Room, in dem ich wie hier auf der Website der Isarrunde Inhalte aus dem Netzt zusammensammle.


Anmerkung von Michael Reuter: Das unterschreibe ich nahezu komplett. Auch ich bin immer auf vielen Kanälen erreichbar, wenn ich will. Dabei ist der jeweilige Kanal irrelevant - nur mit der physischen Post habe ich mittlerweile Probleme, weil ich den Gang zum Postamt bzw. Briefkasten scheue. Viele meiner Daten sind in der Cloud und lokal gespeichert, weil dies zumindest für rechtsverbindliche GmbH-Unterlagen vorgeschrieben ist, ein Backup nicht aufwendig ist und somit Datensicherheit gegeben ist. Jeder, der Erfahrungen mit einem Festplattencrash hatte, weiß, wovon ich spreche.


Keine digitale Vereinsamung:
Ich glaube es kommt nicht darauf an, wie viele Kommunikationskanäle man für sich und andere öffnet, sondern nur, wie man sie priorisiert. Niemand kann auf alles gleichzeitig reagieren. Frank Schirrmacher ist der Meinung, man sein durch iPhones, Twitter und Facebook nicht mehr in der Lage zu fokussieren, oder nicht zu reagieren. Da bin ich anderer Meinung. Ich kann natürlich nicht allen Personen, die etwas von mir verlangen gleichzeitig antworten. Ich muss zuhören und ausblenden können. Aber über der Kanal spielt dabei keine Rolle. Ich genieße es dabei sogar einen reichhaltigeren Sound meiner Gespräch durch die verschiedensten Kommunikationsformen zu bekommen. Twitter-Nachrichten, Facebook-Posts und Blog-Kommentare sind für mich verschiedene Tonalitäten eines Gesprächs und die Existenz von Barcamps und Twittwochs sind für mich keineswegs Nerd-Veranstaltungen, sondern der Beweis dafür, dass Menschen mit einem neuartigen Kommunikationsverhalten selbstverständlich auch weiterhin in der Lage sind, sich real in die Augen zu sehen und ein Gespräch zu führen.


Anmerkung von Michael Reuter: Jeder Mensch kann Herr über seine Kommunikation sein. Wenn ich mich in netter Runde unterhalte und das Telefon klingelt, kann ich, muss aber nicht abheben. Wie Michael sagt: es ist einzig eine Frage der Priorisierung. Dies ist für mich eine Grundfrage menschlicher Kommunikation: immer wieder geben sich geschäftliche Gesprächspartner in Meetings gestresst, nutzen jede Pause für Telefonate und checken unentwegt ihre emails und Twitter Accounts. Wer, so frage ich mich, ist so wichtig, dass eine minütliche Verfügbarkeit zwingend erforderlich ist? In eng definierten Servicevereinbarungen mit Rechenzentren wird beispielsweise definiert, dass bei einem Serverausfall binnen 30 Minuten sich ein Techniker der Sache annimmt. Im zwischenmenschlichen Bereich meinen viele, diese Servicezeit auf unter 5 Minuten eingrenzen zu müssen. Das kann man so halten, wird aber - wie jüngst Miriam Meckel, die einen Burnout erlitt - die Konsequenzen tragen müssen.


Wegfall von Selbstbestimmung:
Allerdings teile ich auch die Ansicht von Frank Schirrmacher, dass wir nicht mehr alleine unsere Aktivität und Sichtbarkeit in der digitalen Welt bestimmen können. Unser soziales Umfeld und zunehmend auch Computersysteme stecken uns in eine von uns durch unser gesamtes Verhalten berechnete Schublade.


Anmerkung von Michael Reuter: Hier widerspreche ich sowohl Herrn Schirmmacher, als auch Michael: Wie weiter oben gesagt: die Nutzung der Techniken und Technologien sind zunächst einmal jedermann freigestellt. Was ich ins Internet schreibe, entscheide ich allein. Anders ist es mit dem, was andere über mich sagen bzw. schreiben - dies ist jedoch ein nicht auf eine Technologie beschränktes Problem sondern eines des menschlichen Miteinanders. 

Frank Schirrmacher treibt die große Sorge, digitale Systeme könnten Krankheiten richtig oder falsch voraussagen und entsprechend die Entscheidungen von Krankenversicherungen beeinflussen. Entscheidungen würden nach Schirrmachers Vision nicht mehr von Menschen, sondern bereits heute meist von Maschinen getroffen. Als Beispiel führt er die weltweite Finanzkrise an. Die mitunter best-informiertesten Menschen hätten die falschen Entscheidungen getroffen.

Diese Einschätzung finde ich etwas zu einfach. Sicherlich werden wir in den nächsten Jahren noch viel mehr „Fortschritt“ erleben, der auch seine Risiken mit sich bringt, aber auch die erstmalige Verwendung der Elektrizität hat der Menschheit nicht nur Gutes beschert. Im Gegensatz zu vielen Blogs und Twitter-Einträgen nach dem TV-Talk mit Schirrmacher bei Jauch und Beckmann hatte ich aber nicht den Eindruck Frank Schirrmacher würde die Technologien verteufeln.


Anmerkung von Michael Reuter: Zu Beginn der Automobilproduktion wurde gemutmaßt, dass den Menschen Geschwindigkeiten von mehr als 40 km/h nicht zuzumuten seien, da der Körper diese nicht verkraften würde. Heutzutage gibt es (Querschnitts-)Studien, die annehmen, dass beispielsweise aktive Computerspieler ihr Verhaltensweisen aufgrund ihrer spielerischen Tätigkeit verändern. Nahezu alle Prognosen zu (meist negativen) Auswirkung von Technik waren falsch. So gibt es m.E. auch keinen Grund zur Annahme, dass unsere derzeitige Generation eine tiefere Erkenntnis gefunden habe und nunmehr korrekt die Veränderungen durch Technik voraussagen könnte. Daher: Jeder möge soviel kommunizieren wie er möchte. Hört er auf die Signale seiner Umwelt und die seines Körpers, wir er hoffentlich rechtzeitig Urlaub einlegen oder zumindest den Blackberry ausschalten.


Update: Frank Schirrmacher hat sich soeben per E-Mail noch mal gemeldet und ebenfalls ein paar Anmerkungen gesendet, die ich gerne hier mit seiner Zustimmung veröffentliche:


Ich habe sehr gern mit Michael Praetorius diskutiert. Und hier einmal eine Kurzfassung meiner Grundaussagen: 

1.       Wir sollten unsere Zeit nicht damit verschwenden, zu diskutieren, ob man das Internet braucht oder nicht, ob irgendjemand es abschaffen oder vorantreiben will. Man diskutiert ja auch nicht darüber, ob sich nicht vielleicht doch die Sonne um die Erde dreht. Diese Linie der Debatte ist pure Zeitverschwendung, Nur weil man Wordpress bedienen kann und twittert, weiss man noch längst nicht, was das Internet mit uns macht. Mir kommt das vor, wie jene edlen Wilden, die staunend vor schimmernden Objekten stehen. Ja: das Netz ist genial. Und Google ist es auch. Aber es ist nicht nur ein Spiel. Es ist ein kapitalistischer Raum, in dem Gesetze des Marktes herrschen und in dem Waren, Gedanken und Menschen verkauft werden oder sich verkaufen.


2.       Internet nicht nur das WWW. Internet sind weltweit vernetzte Computer.
Es sind die Computer, die wir benutzen und auf denen wir bloggen, es sind unsere Handys und Smartphones. Aber es sind auch die Server von Google, die Netzwerke von Unternehmen, von Staat, Militär, Versicherungen, Banken, Krankenkassen und Verwaltung. Anders als viele Menschen glauben, sind die nicht vom Netz getrennt. Sie beziehen ständig Informationen aus dem Internet und werten sie für eigene Zwecke aus. Google ist eine Alltagswaffe für den Alltagsgebrauch. Aber längst sind hochspezialisierte Suchroboter entstanden, die, wie ich es in "Payback" beschrieb, Menschen in Mathematik verwandeln, um ihnen Waren zu verkaufen, sie einzuordnen, ihre Kreativität zu berechnen, ihre Gesundheit, ihre Leistungsfähigkeit.


3.       Gerade weil ich glaube, dass das Netz alle Lebensbereiche beeinflusst und verwandelt, halte ich es für zwingend, über die Konsequenzen nachzudenken. 
Der Komplexitätsgrad des Netzes wächst täglich. Dieses Wachstum bezieht sich nicht nur auf neue Inhalte. Es bezieht sich auf die VERNETZUNG aller Inhalte, die ganz anderen Gesetzen folgt, als denen, die wir aus unserem täglichen Leben kennen. Die Mediendebatte beispielsweise ist tatsächlich nur noch ein Nischenthema, in dem worum es im Netz eigentlich geht. 

4.       Ich gehe aus von der persönlichen, mittlerweile breit dokumentierten Erfahrung der Aufmerksamkeitsstörungen.
Eine aktuelle Debatte findet sich hier: http://www.britannica.com/blogs/2009/12/multitasking-boon-or-bane-a-new-britannica-forum/. Der Einwand, schalte doch deine Geräte ab ist ebenso abwegig wie die These es handele sich um ein Generationenproblem. Multitasking, wie Nicholas Carr zu Recht schreibt, ist deshalb ein Problem, weil wir im Informationszeitalter gezwungen sind, nur noch zu multitasken. Meine Frage ist eine ganz andere: je stärker die Aufmerksamkeitsdefizite, je stärker der Verlust an Intuition und an nicht-algorithmischen Denkprozessen, desto abhängiger werden wir zwangsläufig von den Maschinen. Gesetzt, ich selbst kriege das hin. Wie steht es aber mit meinem Arbeitgeber, der Krankenkasse, dem Staat, die exakt auf diesen Systemen aufbauen? Es sind Rechner, die nicht nur über unser Weg zur Eisdiele per Navigationssystem urteilen und entscheiden (und zwar ziemlich genial) sondern auch über Lebensläufe, Fähigkeiten, Potentiale.


5.       Meine Forderung: das Internet ernst nehmen heisst unsere Schulen, Universitäten, Arbeitsplätze, aber auch die Medizin fundamental zu ergänzen. 
Wir müssen erkennen, dass Unberechenbarkeiten, Intuitionen, Bauchgefühle zu den gefährdetsten Spezies im digitalen Zeitalter gehören. Der Satz: "ich bin mehr als das Netz über mich weiß" ist existentiell. Die Debatte pro-Internet und contra-Internet ist läppisch. Es geht um die Frage, wie wir im Internetzeitalter überleben können als die, die wir sind.

 


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