Quantified Self - die Dystopie von Herrn MustermannSocial Media Week 2012

Wir können heute alles über uns wissen: Wir sammeln Daten über unser gesamtes Leben. Was essen wir, wie schlafen wir, was beeinflusst unseren Erfolg. Das Ergebnis ist möglicherweise das perfekte Leben - oder eine Katastrophe. Daniela Kuka und Marcel-Philippe Rütschlin haben auf der Social Media Week Berlin 2012 die beiden Seiten der Geschichte erzählt.



Eine spekulative Erzählung


Herr Mustermann ist ein wenig nervös. In der Nacht zum heutigen Tag, Donnerstag, den 28. September 2017, wurden auch von Nutzern, die das Feature DISCRET DIARY des Social Media Monopols MINDBOOK bislang noch nicht aktiviert hatten, sämtliche über sie - irgendwie, irgendwann, irgendwo - erfassten digitalen Daten vom universellen, streng geheimen FRICTIONLESS QUANTIFICATION (FQ) Algorithmus in einem neuen bahnbrechenden digitalen Profil zusammengeführt und ausgewertet. Öffentlich. Private und berufliche Beziehungen und Aktivitäten, vom autographischen Fotostream zu den Performance Daten auf dem Sportplatz, im Büro und im Ehebett, werden nun in einem einzigen sich in Echtzeit und in statistischer Relation zu anderen Nutzern stets aktualisierenden Profil gebündelt. Angeblich erlaubt dabei das von hochkarätigen Informatikern und Designern im Team entwickelte Verfahren FRICTIONLESS DIARY DESIGN, dass keine sensiblen Rohdaten einzelner Personen direkt einsehbar sind, sondern durch mathematisch korrekte Auswertungen und Matching Verfahren zu symbolischen digitalen Selbstbeschreibungen abstrahiert werden.

Für den besseren Score das Stadtviertel gewechselt

"Du bist, was Du misst", hatten Medienkritiker damals ironisch getitelt, als das Verfahren erstmal bekannt wurde. Mustermann ruft noch einmal den Artikel auf, in dem auch erste Screen Shots des neuen Dienstes auftauchten, der alle anderen überflüssig sollte, bevor er sich traut, das erste Login zu machen. Was würde da wohl zum Vorschein kommen über ihn, was haben die Algorithmen aus seinen - doch stets gewissenhaft - ausgeführten Handlungen herausgelesen? Als damals die automatische SCHUFA Score Ermittlung auf Basis von persönlichen Online-Daten angekündigt wurde, hatten er und seine Familie schon schweren Herzens das Stadtviertel gewechselt und auch die digitalen Beziehungen zu einigen befreundeten Familien beendet, von denen sie wussten, dass sie mit Geld nicht sonderlich gut umgehen konnten.

Irgendwie, muss er zugeben, beruhigt ihn das gerade ein wenig, bevor er endlich auf den LOAD MY DISCRET DIARY Button klickt. Er weiß: Ein Klick, und das Ding ist irreversibel aktiviert. Aber er weiß auch: Kein Klick, und das Ding existiert trotzdem - über ihn, über seine Familie, über seine Freunde... und er würde nie erfahren, was dort - für andere einsehbar - über ihn und sie steht. Er hat also, so scheint es, keine Wahl.

Auf den falschen Parties gewesen, die falschen Bücher gelesen

Er denkt auch den Job seiner Frau. Sie ist beruflich sehr erfolgreich. Was, wenn er nicht "in ihr Profil" passt? Er weiß, wie wichtig ihr das ist, und er hatte stets diverse Rollen gespielt, wenn sie ihn mitgenommen hatte zu den Firmenabenden... hatte so getan, als wäre er auch einer von ihnen, den coolen Werbeleuten. Das konnte er im neuen Profilmodus unmöglich simulieren. Allein all die Bücher und Magazine, die er in Wirklichkeit nie gelesen hatte... Die angesagten Veranstaltungen, auf denen er, wider alle Erzählungen, nie gewesen ist... Musste er jetzt auch noch seinen Musikgeschmack ändern? Hören, was die hören? Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn.

"Das sieht doch witzig aus", ruft seine Tochter Maxie, die mit ihm am Tisch sitzt, " - eine Mischung aus Autotacho, Wall Street und da! - das kenne ich von Nintendo!" Sie tippt mit dem Finger auf verschiedene nun geladene Dashboards, Kurven, Marker und Symbole. Sie ist auch ganz aufgeregt, wie denn ihr eigenes neues Profil aussehen wird. Und natürlich das ihrer Freunde.

Mustermann grübelt noch, während er hastig scrollt, über das, was seine Tochter da gesagt hat mit dem Tacho und der Börse. Irgendwie hat sie Recht. Seine Gesundheit und Fitness, seine sozialen Aktivitäten, seine Effizienz, sogar seine Bonität - all das ist jetzt auf einer Art Tacho oder Indexkurve abzulesen. Die detaillierten Datenpunkte hinter den Charts waren zwar nur für ihn sichtbar, aber die Muster, die Algorithmen in dem von ihm direkt oder indirekt produzierten Datenwust erkannt haben, die haben positive und negative Signale und Marker auf seinem Profil hinterlassen. Begriffe, die ihn bezeichnen sollen, Symbole, die ihn klassifizieren, und lauter Prozente. "Ihr ökologischer Fußabdruck", steht da zum Beispiel, "ist kleiner als der von 60% der Bevölkerung." Na, denkt er, das ist doch mal erfreulich! Man kann sogar sofort seinen korrespondierenden Ökosteuertarif einsehen. Und sich bei öffentlichen Wettbewerben registrieren, um diesen durch spielerische in den Alltag integrierte Motivationstechniken und soziale Feedbackschleifen noch weiter zu senken. Vielleicht ist das ja doch alles gar nicht so schlecht...?

Papas Fitnesstacho zeigt Schneckentempo

"Haha", witzelt seine Tochter indes, "Papas Fitnesstacho zeigt Schneckentempo, vielleicht weiß er nicht, wo das Gaspedal ist?", und klickt sich weiter durch die Charts, um ihren Vater zu verspotten. Eltern sind eben auch nicht perfekt!
Er knufft sie.
Und er fragt sich, wo das alles hinführen soll.

Er erinnert sich an eine gewaltige kritische Medienwelle noch vor zwei Jahren, doch dann fingen die Dienste unaufhaltsam und in kaum wahrnehmbaren Schritten an zu konvergieren. Hier eine neue Datenschnittstelle, dort ein neuer Button. Hier ein neuer Dienst, dort ein neuer Algorithmus. Immer verbunden mit einem kleinen Vorteil für den Nutzer. Etwas wurde einfacher, genauer, schneller, interessanter, unterhaltsamer... %u201EMit einem Experiment namens Frictionless Quantification für einen exklusiven Nutzerkreis fing alles an%u201C, sagt er zu seiner Tochter. %u201EViel Geld haben die bekommen, weil sie sich als Probanden zu Verfügung gestellt haben. Und angeblich einen Daten-Kredit auf Lebenszeit.%u201C Die verdreht die Augen und meint, er solle doch aufhören zu fachsimpeln und lieber ein bisschen joggen gehen. "Frictionless Quantification!" wiederholt er streng und deutet mit dem Finger auf den Bildschirm, denn so heißt auch der Artikel, den er noch vor sich geöffnet hat. Im Promo-Teil eines mittlerweile von MINDLOOK aufgekauften Startups steht: "Algorithmen generieren für Sie ein attraktiv visualisiertes und wissenschaftlich korrektes Mindfile, ein virtuelles Double, dessen Gene Ihre Daten sind. Gleichzeitig existiert eine riesige anonyme Gendatenbank, durch die wir Ihre besonderen Qualitäten und Interessen erkennen und Sie mit den für Sie relevanten Informationen und Diensten versorgen. Sie erhalten einen 6. Sinn, der Ihnen Zeit, Geld und möglicherweise auch Leid in der Zukunft erspart, denn mit ihm können Sie nicht nur schneller erreichen, was Ihnen nützt, sondern z.B. auch Krankheiten früherkennen und sich spielerisch präventives Verhalten aneignen. Durch eine überdurchschnittlich gesunde Lebensweise oder ehrenamtliche Tätigkeiten können Sie sich sogar einen Bonus verdienen."

Der Glaube an die Evolution

Werden wir jetzt alle zu gesünderen und besseren Menschen?, fragt sich Mustermann. Oder produzieren wir erst die Ungesunden und die Schlechten, indem wir uns permanent messen und vergleichen? Wolle er wirklich wissen, wie hoch - oder niedrig - seine Lebenserwartung ist, bzw. wie sie wahrscheinlich ist? Wenn 72 die Prognose ist, wie fühlt sich dann das 71. Lebensjahr an? Das 72.? Und das 73.? Wolle er wirklich wissen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass er oder jemand aus seiner Familie an Krebs erkrankt? Will er täglich damit konfrontiert sein, was er tun müsste, um sich all seiner Laster zu erledigen? Und wie leicht das offenbar anderen gelingt? Wenn das für die natürliche Selektion - Mustermann glaubt an die Evolutionsbiologie - essentiell wäre, hätte "man" - an Gott glaubt er nicht - uns dann nicht mit diesem 6. Sinn schon ausgestattet? Warum sind wir eigentlich, wenn man uns lässt, angeblich durch und durch so lasterhafte Wesen, die sich durch ihr Verhalten nur selbst schaden? Für ihn machte das nicht so richtig Sinn.

Ungewöhnliches Verhalten führt zum Alarm

Mustermann erschrickt jetzt. Das Telefon klingelt. Er hastet los, während seine Tochter noch mit aufgerissenen Augen weiter auf die Charts und die vielen bunten Symbole starrt und sich köstlich amüsiert. "Es ist Mama", flüstert er ihr mit zugehaltener Sprachmuschel zu. "Es scheint etwas passiert zu sein!" Jetzt sind beide ganz aufmerksam. "Du wirst es nicht glauben", hastet sie atemlos, und man weiß nicht genau, ob das Vibrieren in ihrer Stimme Verzweiflung oder Ironie ist. "Ich bin hier in London auf dem Polizeirevier%u201C, fährt sie fort, %u201Edie haben mich verhaftet." "Was ist los?" Mustermann stockt der Atem. "Ich sag ja, Du glaubst es nicht." "Also?" "Also ich stand am Bahnsteig und hab mich am Telefon mit einem nervigen Auftraggeber gestritten. Dabei bin ich laut geworden und wohl - na Du weißt schon - etwas hysterisch, mit dem Armen fuchtelnd, auf und ab gelaufen. Ich habe zwei Züge vorüberziehen lassen, weil ich das erst klären wollte und Angst hatte, dass der Empfang unterwegs abreißt. Ich war so wütend, ... , man, ich könnt den jetzt immer noch... Erinnerst Du dich an diesen Auftrag mit der nervigen... " Er unterbricht sie: "Und deswegen wurdest Du verhaftet? Hast Du jemandem weh getan? Geht's Dir gut?" "Nein, also ja. Also pass auf. Hier gibt's durch diese neuen Discret Diaries - das heißt doch so? - einen alles erfassenden ABNORMAL BEHAVIOR TRACKING Dienst in öffentlichen Räumen, wohl zur Terror-Bekämpfung v.a. an Bahnhöfen. Das System beobachtet Leute und erkennt angeblich auffälliges Verhalten. Komische Kleidung, schneller Puls, unnormale Bewegungsmuster, situationsuntypische Stimmmodulation... Und irgendwie hab ich da wohl was ausgelöst, keine Ahnung, die sagen, ich sei auch zu weit von meiner Tasche weggegangen, hätte neben der auffälligen Erregungs- auch eine verdächtige Bewegungskurve gehabt. Und dann sind die los und haben mich erst mal einkassiert. Das hat nur fünf Minuten gedauert, die haben nicht mal irgendwas gefragt."

Mustermann muss ein bisschen schmunzeln, er stellt sich das alles gerade bildlich vor. Dann fragt er: "Und wie hast Du denen jetzt bewiesen, dass Du kein Terrorist bist?" "Naja, das Telefonat wurde ja ohnehin aufgezeichnet, das haben die sich dreimal hintereinander mit irgendeiner Noise Reduction Software angehört. Und dann haben sie die vollständigen Daten hinter meinem Profil abgerufen und nach weiteren neuralgischen Punkten gesucht. Dabei haben sie wiederkehrende Muster entdeckt. Sie meinten, ich sollte vielleicht mal... also..." "Ja?" "In die Klinik. Mich wegen Burnout oder so durchchecken lassen. Anscheinend ticke ich überdurchschnittlich viel aus in letzter Zeit. Viele meiner Daten passen da genau ins Muster."

"Naja", Herr Mustermann weiß jetzt nicht so genau, was er antworten soll. Er sagt ihr, sie solle die nächste Maschine zurück nach Hause nehmen und erstmal ein paar Tage Urlaub machen. "Das geht jetzt auf keinen Fall," erwidert sie gleich noch aufgeregter. "Das wollte ich Dir alles noch in Ruhe erzählen. Wir haben so ein neues Performance Messprogramm im Büro, das sich direkt an die Diary Daten koppelt. Damit wollen die, dass die Firma im Ranking aufsteigt. Das geht aber nur, wenn wir alle auch hervorragende Leistungsdaten einspeisen. Wenn ich jetzt ne Woche Urlaub mache, kassiere ich gleich nen riesigen Rückstand, den ich nie wieder aufholen kann. Die Erfassung erfolgt lückenlos, auch um besondere Motivation und Leistung bei Mitarbeitern festzustellen und diese zu entlohnen. Stell Dir vor, davon könnten wir doch profitieren! Und natürlich erfassen die auch Prokrastinationstendenzen, Fehlerhäufigkeit und...%u201C, sie wird leiser, %u201EAnzeichen für verminderte Stressresistenz und mentale Erkrankungen."

Mustermann fragt grinsend zurück: "Und kriegt man für%u2019s Kunden am Bahnhof anschreien jetzt Plus- oder Minuspunkte?" "Man, bist Du blöd.", murmelt sie vorwurfsvoll. "Lass uns jetzt aufhören, ich rufe hier vom Diensthandy an, wer weiß... Ich melde mich am Abend noch mal, wenn ich im Hotel bin. Sag den Kindern, dass ich sie lieb hab und ich mich auf sie freue. Ich komme am Samstag zurück. Muss noch nach Brisbane, so nen Auftrag versiegeln. Big Fish. Du weißt schon..." "Powerwoman, pass auf dich auf! Bis bald!" Beide legen auf.

Mind Matching Index

"Wo is'n eigentlich Dein Bruder?" fragt Mustermann und will die Tür zu seinem Zimmer aufmachen. "Der ist heute Nacht abgehauen", sagt Maxie. "Er hatte nen Riesenstreit mit seiner Freundin. Hast Du das nicht gehört?" Mustermann runzelt die Stirn. Sollte er sich Sorgen machen? Max war ja schon 17.

Max rennt indessen durch die Straßen und setzt sich schließlich auf eine etwas abgeschiedene Parkbank. Er starrt auf sein Smart Phone. "Mindbook Love Module" steht auf dem Display. Und fünf Zahlen. Mind Matching Max - Patricia: 23%. Durchschnittliches Matching bei dauerhaften Partnerschaften: 62%, in Klammern dahinter (45%) - das wird wohl die kritische Marke sein. Anzahl der Personen im Netzwerk mit höherer Übereinstimmung: 236 Personen (72% weiblich). Sexfrequenz: 30% unter dem Durchschnitt. Betrugswahrscheinlichkeit: 72%. "Was soll ich denn jetzt machen?" murmelt er hörbar, obwohl er allein ist, "ich liebe sie doch!" Er versucht sie anzurufen. Sie hebt nicht ab. Er wird sauer. Schon immer hatte er das Gefühl, dass er viel mehr Zeit und Energie in die Beziehung investieren würde als sie. Und die vielen Freundinnen, die sie dauernd traf... Angeblich... Waren das vielleicht doch irgendwelche Typen, mit denen sie besser konnte als mit ihm? Oder nur einer? Einer mit 63%?

Vielleicht weiß sie schon längst, dass er in manchen Gebieten einfach nicht mit den anderen mithalten kann und hat sich schon mal umorientiert. Sinngemäß so etwas wie "Stubenhocker" steht da in seinem sozialen Interaktionsprofil, "mit depressiven Tendenzen." Aber nichts davon, dass er in den letzten drei Monaten seine Großmutter gepflegt hat. Sie hat Alzheimer. Als kleiner Junge war er jede Woche bei ihr. Sie alt und krank werden zu sehen, hatte ihn sehr traurig gemacht. Seine Leistungen im Soziologiestudium waren abrupt abgefallen, "Graduate Under Performer" steht da jetzt bei ihm in einer Ausbildungskategorie, die im Erfolgsranking ohnehin schon am unteren Ende der Skala angesiedelt ist. Er ist frustriert. Alle hatten es gleich gesagt. Informatik oder BWL, alles wäre besser gewesen. Dann hätte er jetzt auch andere Freunde. Freunde mit einem besseren Score.

Bewegungsprofile und Beziehungsdaten

Beim Klettern hatte er sich vor drei Wochen verletzt, weil er nicht ganz bei der Sache war. Die aktuellen Körperdaten zusammen mit den in seiner Stimmmodulation erkannten depressiven Verstimmungen haben seinen Zugang zur Gemeinschaft der High Performer im Fitness-Bereich auf Eis gelegt, er weiß jetzt nicht einmal mehr, worüber seine Sportsfreunde schreiben. Vielleicht lachen die auch schon über ihn. Und vielleicht trifft sich einer von denen ja mit Patricia... Er durchsucht ihr Profil nach Indizien. Das Bewegungsprofil zeigt, dass sie sich in den letzten Wochen öfter in der Nähe vom Kletterpark aufgehalten hat.

Warum er sich die Auswertung der Beziehungsdaten überhaupt schicken lassen hat? Naja, alles fing damit an, dass er Patricia auf Mindbook kaum noch sah. Nur noch selten erhielt er automatische Links und Informationen über sie. Jetzt wusste er warum. Ihre Profile hatten sich zu weit entfernt. Genau wie das von ihm und seinem früher besten Freund Pascal, der als Early Adopter der FRICTIONLESS DIARY Technologie innerhalb kürzester Zeit aus der Kategorie der "unentschlossenen Grübler" in die der "Trendsetter" aufgestiegen war. Ein auf Netzwerkbeziehungen zugreifender Performance Optimierungsalgorithmus, der in Insiderkreisen angeblich CONTAGIOUS heißen soll, hatte Pascal damals sogar vorgeschlagen, die Verbindung zu Max einzufrieren, um seinen Score zu erhöhen. "Ich bin ein Loser", denkt Max, "Was sonst. Und jeder kann es sehen." Sein PERSONAL ADVERTISING FEED zeigt Ratgeberliteratur und Umschulungskurse. Und eine Einladung zu einer kostenlosen Dating App.

Senden der optimalen Botschaft

Sein Vater hat indes, über Mindbook, den Aufenthaltsort seines Sohnes ermittelt. Sie hatten ausgemacht, dass das Profil des anderen tabu ist, obwohl es natürlich theoretisch offen liegt. Die letzte Option für Privatsphäre innerhalb der Familie. Aber wenn sein Sohn in Gefahr sein sollte, denkt Mustermann, würde er sich nie verzeihen, keinen Blick auf das Bewegungs- und Stimmungsprofil geworfen zu haben. Aus den Daten entnimmt er, dass sich sein Sohn an dem Ort aufhielt, an dem er schon öfter war, wenn er traurig und lieber allein war. So ließ er ihn. Der Family Relationship Assistant schlägt allerdings vor, wenigstens eine SMS zu schicken: "Hey, wenn Du reden willst, ich bin da. Sollen wir uns abends im Fuchs und Frau Elster treffen? 20 Uhr? Bier?" Er braucht nur noch das Senden bestätigen, das System hat aus den Beziehungs-, Orts- und Kalender-Daten schon die optimale Botschaft für die aktuelle Situation ermittelt. Früher kam er sich komisch vor, autogenerierte Botschaften zu versenden. Damals wirkten sie auch noch sehr artifiziell. Aber das System hatte schnell dazu gelernt und die Trefferquote war binnen kurzer Zeit beeindruckend. Mit spürbarem Erfolg. Die Beziehung zu seinem Sohn hatte sich schlagartig verbessert. Früher war er zu offensiv, das typische Vatergehabe, das Max eher verschreckt hatte. Jetzt weiß er, dass er sich eher als Kumpel verhalten muss, um an ihn heran zu kommen. Selbst seine Frau ist stolz auf ihn, dass er das geschafft hat. Aber manchmal würde er ihn auch einfach nur gern in den Arm nehmen statt ihm einen Abend in der Bierbar vorzuschlagen. Vielleicht gibt es ja auch ein Programm, das Söhnen Konversationsregeln beibringt, die Vätern gefallen. Und nicht nur umgekehrt.

Max liest die SMS und klickt alle drei Antwortvorschläge weg. Der Idiot, denkt er. Warum verhält sich mein Vater wie ein Typ, den alles eiskalt lässt? Hat er keine Freunde, mit denen er Bier trinken gehen kann?



Inspiriert von den Hypothesen des Projekts Social Quantified Self und weiteren im Rahmen der von Klaus Gasteier und Daniela Kuka gegründeten und geleiteten Special Interest Group Mensch Maschine Persuasion (Universität der Künste Berlin, MA GWK) entstandenen Projekten: ira - personal relationship assistant, GMatch und Tagged You! (vgl. (http://social-qs.net und http://social-qs.net/sqs/sig/). Außerdem die Interface-Studie von David Oswald und Daniela Kuka Visual Rhetoric of Self-Optimization Systems (AISV Buenos Aires 2012).

Weitere Inspirationen: die Macht- und Normalismustheorien von Michel Foucault und Jürgen Link, das Asch-Experiment (Solomon Asch 1955), Filter Bubble (Eli Pariser 2011), die Romane Nineteen Eighty-Four (George Orwell) und The Traveler (John Twelve Hawks), die Fernsehserien The Prisoner (Patrick McGoohan 1967-68) und Person of Interest (Jonathan Nolan 2011), das im Seminar be seeing you! von Klaus Gasteier entstandene Projekt Mirror Me sowie real existierende Dienste Facebook, Klout, TicTrac, LiveNaut, Autographer und TrapWire.


mit Daniela Kuka (Gast)

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