Das, was als Schwarmintelligenz bezeichnet wird, braucht beides: Menschen arbeiten zusammen an einem Projekt und steuern jeder individuell das bei, was sie können und wollen. Und erst durch den kontroversen Dialog kann dann tatsächlich etwas Großes, etwas Neues entstehen.

Es bedarf also viel Individualität, um etwas Kollektives zu erstellen.Wikipedia ist das Beispiel par exellence für diese Art der Wissensgenerierung. Eine Community erarbeitet sich eine Wissensenzyklopädie, die ihresgleichen sucht. Was anfangs als Projekt von vielen Nerds belächelt wurde, hat sich zum anerkannten Nachschlagewerk gemausert. Viele einzelne User steuern ihren Teil bei: Sie schreiben, korrigieren, bewerten, diskutieren. Das Wissen vernetzt sich, so dass es immer wieder ein bisschen besser und exakter wird. Wir kennen das Prinzip schon vom alten Hegel – These, Antithese, Synthese.

Eine dialogische Wissensbildung suggeriert, dass es innerhalb des Schwarms basisdemokratisch zugeht. Tatsächlich werden auch hier – wie überall, wo Menschen aufeinander treffen – Kämpfe um Deutungshoheit und Anerkennung ausgetragen. Besonders Wikipedia macht deutlich, dass Wissen nichts abgeschlossen ist und sich die Beteiligten immer auf einen ‚Wahrheitszustand‘ einigen. Dieser gilt dann so lange, bis ein anderes Mitglied der Community eine plausiblere Beschreibung der Wirklichkeit anbietet. Dank dieser vernetzten Wissensstände und der Möglichkeit des gegenseitigen Feedbacks kontrolliert sich das System Wikipedia praktisch selbst. Dies gilt im Übrigen für sämtliche Formen des Schwarmwissens, auch Wikiplag funktioniert so.

Ruft man sich noch einmal die rasante Entstehungs- und Erfolgsgeschichte von Wikiplag in Erinnerung, fragt man sich, wie Menschen dazu kommen, ihre Zeit darauf zu verwenden, einem ranghohen Politiker Betrug nachzuweisen. Was ist der Antrieb für die Community gewesen, sich dieser kleinteiligen Fleißaufgabe zu stellen, sämtliche Quellen der Dissertation von Guttenberg zu prüfen?

Sämtliche Formen von Wikis dürften davon leben, dass sie ein ganz und gar simples aber wirksames Belohnungssystem anbieten: Reputation. Die Individuen der Community sehen, dass ihr Kollektivprojekt an Bedeutung gewinnt, dass es einen Nutzen für andere User hat. Entweder über die Kommentare, den like-Button, die Fav-Tweets oder schlicht aufgrund der Nutzung erfährt der Inhalt Relevanz. Und diese Relevanz kann durchaus als Belohnung empfunden werden. Wenn dann statt Pseudonymen noch Klarnamen genutzt werden, kann sogar so etwas wie eine personalisierte Reputation entstehen.

Die Gründe dafür, dass sich User an einer Wiki-Community beteiligt, mögen ausgesprochen vielseitig sein. Das Engagement der Einzelnen im Kollektiv ist aber gewiss. Diese Projekte funktionieren und einige strahlen längst aus der Onlinewelt in den Alltag hinein. Manche gar mit solch spürbarer Kraft, dass Minister von ihren Posten zurücktreten müssen.



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Schwarmwissen: Gemeinsam schlauer

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